Gespräch mit dem Präsidenten des Landtages von Nordrhein-Westfalen – André Kuper

Heinz-Friedrich Lange, André Kuper, Karin Bödeker
Heinz-Friedrich Lange, André Kuper, Karin Bödeker

 
Nicht nur küern, sondern mäuern

F: Vielen Dank, Herr Kuper, dass Sie sich heute Zeit für ein kurzes Gespräch nehmen. Unser früherer stellvertretender Schuleiter, Dieter Ademmer, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Sie Absolvent unserer Schule sind. Sie sind im Sommer 80 ins erste Semester eingestiegen.  Ich habe mal im Archiv gekramt und Ihnen etwas mitgebracht, Ihre Karteikarte von damals.

Kuper: Das ist klasse, Sommer 1980, ja, das mag sein. Mein Start war damals sehr kurzfristig. Übrigens: Ich bin vor einiger Zeit am Stadttheater vorbeigefahren und habe mich beim Schild „Hanse-Kolleg“ unüberlegt gefragt: Ist das Abendgymnasium aufgelöst? Ich wusste nicht, dass das Abendgymnasium umbenannt worden ist in Hanse-Kolleg.

F: Im Gegenteil, inzwischen sind wir ja viel größer geworden und haben unser Angebot erweitert um die Abendrealschule, das Kolleg, abitur-online. Gab es eigentlich schon die Außenstellen?

Kuper: Ich war in Lippstadt und kann mich nicht an weitere Standorte erinnern. Bei mir war es so, dass ich erstmal in Rietberg den Realschulabschluss und anschließend eine Ausbildung im Verwaltungsbereich gemacht habe. Und als ich meine Prüfung bestanden hatte, bin ich zum meinem damaligen Personalchef Stefan Dörhoff gegangen und habe ihn befragt, welche Voraussetzungen ich erfüllen müsste, um in den gehobenen Dienst zu gelangen. Und dann hat er mich auf das Abendgymnasium Lippstadt aufmerksam gemacht und mir empfohlen, das berufsbegleitend zu absolvieren. Es mag der 4. August, dem notierten Tag auf der Karteikarte, gewesen sein, an dem dies Gespräch stattgefunden hat. Direkt im Anschluss habe ich im Sekretariat des Abendgymnasiums angerufen und gefragt, wann ich beginnen könnte. Die Sekretärin antwortete, dass der Unterricht bereits am Montag beginnen würde und es zwei Minuten nach 12 sei. Wenn ich noch in diesem Jahr starten wolle, dann müsse ich am Abend kommen. Es folgte noch ein Abstimmungsgespräch mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau Monika und am selben Abend war ich Schüler im Abendgymnasium Lippstadt.

F: Damit haben Sie bereits eine der Fragen, die wir Ihnen stellen wollten, beantwortet, nämlich die, wie Sie zum Abendgymnasium gekommen sind. War das eigentlich in Ihrer Wahrnehmung von heute ein Umweg oder würden Sie eher sagen, dass das Ziel „Abitur“ tatsächlich viel später in den Fokus gerückt ist?

Kuper: Für mich war es kein Umweg. Das ist sicherlich auch eine Frage der persönlichen Entwicklung. Ich habe die Realschule mit Q-Vermerk abgeschlossen, aber wollte zunächst eine Ausbildung machen. Ich wollte in den Beruf und war später sehr froh, dass es diese Möglichkeit gab, über den Zweiten Bildungsweg das Abitur nachträglich zu erwerben.

F: Würden Sie sagen, dass die Tatsache, dass Sie das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erworben haben, Ihren persönlichen oder beruflichen Weg in besonderer Weise geprägt hat?

Kuper: Das würde ich grundsätzlich so sehen wollen, mir wurde im Leben quasi „nichts geschenkt“, wie es so schön heißt. Ich habe mir alle beruflichen Stationen mit Fleiß und Leidenschaft und Stufe für Stufe erarbeitet. Und ich glaube schon, dass der Respekt von Personalchefs und des persönlichen Umfelds bei Absolventen des Abendgymnasiums ein sehr hoher ist. Weil viele wertschätzen, wenn jemand in seiner Freizeit dies jahrelang berufsbegleitend leistet. Das muss erstmal geschafft werden, den Biss muss man haben. Für die politische Laufbahn… weiß ich nicht. Da war das eher selten ein Thema. Wenn die Frage auftaucht, gehe ich damit sehr offen um, denn ich bin stolz darauf.

F: Was, würden Sie sagen, haben Sie vom Abendgymnasium mitgenommen für Ihr Leben?

Kuper: Mich hat es in der Persönlichkeitsentwicklung gestärkt, mein Selbstbewusstsein ist durch den erfolgreichen Abschluss des Abendgymnasiums gestiegen. Gefühlt habe ich etwas geschafft, was in dieser Art und Weise nicht jeder Mensch hinbekommt. Ich weiß nicht, wie das heute ist, aber damals gab es einen hohen Anteil von Kolleginnen und Kollegen, die leider abbrechen mussten. Aus unterschiedlichen Gründen, teilweise nicht nur wegen schlechter Noten, sondern oftmals auch wegen der persönlichen Lebenssituation, wie zum Beispiel der Gründung einer Familie.

Auch für mich war es nicht einfach. Damit es funktionierte, habe ich morgens um 6 Uhr mit der Arbeit in Rietberg angefangen. Die Mittagspause wurde zum Lernen genutzt und abends ging es aus dem Büro heraus zu 18 Uhr zum Unterricht nach Lippstadt, bis ca 22 Uhr, wenn ich mich richtig erinnere. Und danach bin ich täglich wieder nach Rietberg zu meiner Freundin.

F: Hatten Sie damals das Gefühl, dass der Umgang zwischen Studierenden und Lehrenden und die Art des Lernens am Abendgymnasium eine andere ist als in der Jugendschule?

Kuper: Klar gab es da Unterschiede. Wir waren alle erwachsen und das hatte Folgen für das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Und wir wollten alle lernen, ich glaube, das ist für Lehrerschaft auch eine ganz andere Unterrichtssituation. Die pubertären Spielchen gab es nicht.

F: Können Sie sich noch an Lehrer erinnern?

Kuper (lacht): Nein, spontan gar nicht. Wenn ich Fotos von damals sehen würde, könnte ich mich eventuell erinnern. Aber da ich nach dem Abendgymnasium zunächst Verwaltungswissenschaften, danach Pädagogik und später auch noch Wirtschaftswissenschaften studiert und erfolgreich abgeschlossen habe und seither im Beruf täglich unzählbare Begegnungen erlebe, fällt mir das sehr schwer.

F: Würden Sie heutigen Studierenden des ZBW auf der Basis ihrer eigenen Erfahrungen einen Rat geben wollen?

Kuper: Ich würde sie sehr darin bestärken wollen den Abschluss zu machen. Und vor allem finde ich es sehr wichtig, dass es die Schulform Weiterbildungskolleg gibt. Es gibt Schüler, die mit ihrer Basis-Schule, wie immer sie auch heißt, zufrieden sind und erstmal etwas Praktisches machen wollen: einen Beruf lernen, arbeiten – und diesen Menschen sollte man die Chance nicht verwehren, sich später noch einmal umzuorientieren und voranzukommen. Ich war damals sehr dankbar, dass es diese Möglichkeit für mich gab und möchte das auch in der Zukunft gesichert wissen.

F: Damit kommen wir zum politischen Teil des Gesprächs. Sie betonen die Vorzüge der Weiterbildungskollegs, allerdings wird dieses Bildungsangebot im aktuellen Koalitionsvertrag mit keinem Wort erwähnt.

Kuper: Sie sind nicht explizit erwähnt?

F: Nein leider nicht..

Kuper: Aber das Wort „Bildung“ findet sich mehrere hundert Mal im Koalitionsvertrag, Bildung ist ein Schwerpunkt. Außerdem findet sich auf Seite 18 des Koalitionsvertrages eine Zielformulierung: „Vor allem werden wir die Mittel für das Nachholen von Schulabschlüssen erhöhen.“ Das ist sehr deutlich; und wenn ansonsten das Wort „Weiterbildungskollegs“ nicht vorkommt, sind keine Veränderungen im System geplant.

F: Aber wir haben ja einen Fürsprecher in Ihnen.

Kuper: Das sowieso. Ich habe in meiner Präsidentenposition einerseits eine repräsentative Funktion, aber andererseits natürlich auch inhaltliche Möglichkeiten der Mitgestaltung. Es ist so, dass ich mit der Landesregierung und den Landtagsfraktionen täglich im Gespräch bin.

F: Welche Aufgaben würden Sie den WBKs insgesamt zuschreiben? Es gibt ja immer mehr Abiturienten auf dem ersten Bildungsweg, es gibt die Berufskollegs, die sich ja in den letzten Jahren auch im Bereich der allgemeinen Schulabschlüsse ausgeweitet haben….

Kuper: Diese Frage können Sie besser beantworten als ich. Meiner Ansicht nach haben wir in NRW diesbezüglich ein gut funktionierendes System, das den unterschiedlichsten Adressatengruppen gerecht wird. Die Adressaten der Berufskollegs sind andere als die der Abendgymnasien bzw. Weiterbildungskollegs. Natürlich gibt es Überschneidungen, aber manches hängt ja auch von der Persönlichkeit ab, wo jemand am besten beschult wird. Und vom Alter. Die einen sind für die jüngeren zuständig, Sie für die älteren oder die „Spätberufenen“.

F:  Und da gibt es viele Menschen, die wirklich richtige Umwege gehen und ihre Schulkarriere nicht so stringent verfolgt haben wie Sie und sich erstmal eine schöne Jugend gemacht haben, mit allem, was offensichtlich dazu gehört, und die dann  irgendwann vernünftig werden.

Kuper: Ja, und gerade auch für diejenigen braucht man solch ein Angebot. Die Motive und Ausgangsbasis waren auch in unserem Kurs sehr unterschiedlich.

F: Was mich einmal interessieren würde – Sie sind mit 11 Jahren in die CDU eingetreten, mit 11 Jahren?

Kuper: Das stimmt nicht. Mein Wikipedia-Eintrag enthält leider viele Fehler und ich habe dort keinerlei „Autorenrechte“. Trotz zahlloser Versuche war es bisher weder möglich, die Fehler zu korrigieren noch Ergänzungen vorzunehmen. Ich bin mit 18 Jahren in die JU und mit 23 Jahren in die CDU eingetreten. Allerdings war Politik für mich gar nicht so Lebensinhalt, ich wollte nie Politiker werden, sondern pragmatisch und themenbezogen Einfluss auf Demokratie und Stadtgestaltung nehmen.

F: Und wie sind Sie dann doch dazu gekommen?

Kuper: Durch Ansprache von außen. Nach Abschluss des Abendgymnasiums musste ich zum Grundwehrdienst bei der Marine, also zur Bundeswehr und habe anschließend in Bielefeld Verwaltungswissenschaften studiert. Danach bin ich als hauptamtlicher Dozent für den Fachbereich Betriebswirtschaftslehre an das Studieninstitut in Bielefeld gewechselt. Parallel und ebenso berufsbegleitend habe ich noch ein Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Pädagogik absolviert. 1997 wurde mir dann die Stelle des hauptamtlichen Bürgermeisters von Rietberg angeboten, als der damalige Stadtdirektor Wolfgang Schwade ein Angebot zum Wechsel als Bürgermeister nach Lippstadt erhielt und der damalige ehrenamtliche Bürgermeister Hubert Deittert in den Bundestag. Aus persönlichen Gründen war das Angebot für mich eine sehr schwierige Entscheidung, da meine Frau erst ein paar Tage zuvor nach einem Schlaganfall mit Hirnblutung nach wochenlanger Behandlung aus dem Krankenhaus in Gilead Bielefeld entlassen worden war mit der Auflage, ein neues Leben anzufangen. Und dann dies. In den zwei Wochen bis zur internen Entscheidung ging es hin und her, aber am Entscheidungstag meinte meine Frau Monika, es sei richtig, wenn ich die Stelle annehmen würde. Und so habe ich zugesagt. Es war ein Risiko, weil ich in Bielefeld beim Institut eine unbefristete Stelle des höheren Dienstes ohne Rückkehrgarantie verlassen musste und klar war, dass bereits zwei Jahre später – 1999 – Bürgermeisterneuwahlen als erste Direktwahl der Bürgerschaft anstehen würden und wir mit voraussichtlich zwei oder drei Kandidaten antreten würden. 1999 war die erste von drei jeweils im ersten Wahlgang gewonnenen Direktwahlen. Als sich 2012 der Landtag auflöste, sah ich nach 15 Jahren Bürgermeisterzeit die Chance für eine Veränderung und habe mich dort zur Wahl gestellt, bin dann nach Düsseldorf gegangen. Ich bin sofort kommunalpolitischer Sprecher geworden, nach der Hälfte der Wahlperiode stellvertretender Fraktionsvorsitzender und jetzt auf Anfrage bzw Angebot unseres heutigen Ministerpräsidenten Armin Laschet der neue Landtagspräsident geworden. Übrigens haben mir die Wählerinnen und Wähler aus der Stadt Rietberg (30.000 Einw.) immerhin zu 69 % ihre Erststimme gegeben, was zeigt, dass ich auf breite Unterstützung aus der Bevölkerung bauen kann. Landtagspräsident ist jetzt eine spannende Aufgabe.

F: Sie haben immer wieder eine Veränderung gesucht und sind dabei durchaus auch Risiken eingegangen. Ist „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ so etwas wie ein Lebensmotto?

Kuper: Könnte man denken, aber Nein. Mein Lebensmotto und Wirkungsanspruch ist am ehesten der bekannte Spruch von Antoine de Saint Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Und in diesem Sinne gibt es täglich eine Menge zu tun.

F: Was wäre das Wesentliche?

Kuper: Gute Frage! Es sind die vielen wertebezogene Dinge im Leben. Hierbei denke ich, kommt es nicht auf Worthülsen an und auch nicht nur auf Äußerlichkeiten. Deshalb sage ich den Menschen, die in mein Präsidentenbüro kommen, z.B. auch, schaut nicht auf die Äußerlichkeit des Glanzes dieses Büros, dies ist der repräsentativen Aufgabe und regelmäßigen Staatsgästen geschuldet. Entscheidend ist für mich, was wir in diesem Raum inhaltlich für die Menschen bewegen. Mir ist auch wichtig, jeden Tag mit Demut und Bescheidenheit an Aufgaben und Begegnungen heranzugehen. Ich möchte nicht zu den Politikern gehören, die alles versprechen und nichts halten. Ich verspreche immer nur, mich um Lösungen zu bemühen, nicht aber von vornherein das Ergebnis bzw. die Lösung selbst.

Oder wie in einem Plakat von Bürgern für mich im Wahlkampf 1999 positiv plattdeutsch formuliert:  
„Nicht nur küern, sondern mäuern, Ihr Bürgermeister André Kuper“
Also: Nicht nur reden, handeln.

Ich bin eher der pragmatische Typ und habe deshalb viele gute Kontakte zu den Kolleginnen und Kollegen aller Parteien. Ich habe auch der Vorgängerregierung im Kommunalbereich immer ehrlich gesagt, wenn ich in irgendeinem Gesetzesvorhaben etwas nicht in Ordnung fand. Und damit eine Gelegenheit zur Veränderung ohne große Gesichtsverluste oder Aufregung gegeben. Wenn alles sofort konfrontativ in die Presse gegeben wird, werden damit häufig Chancen vertan, irgendetwas im Sinne der Sache oder der Menschen zu verändern. Vielleicht ist dieser Pragmatismus eine Auswirkung des Abendgymnasiums. Ich glaube, Sie produzieren viele Pragmatiker, vielleicht weniger Theoretiker, ohne behaupten zu wollen, dass nicht auch viele Absolventen in der Wissenschaft landen – aber vielleicht sind das die pragmatischen Wissenschaftler. Davon bin ich überzeugt.

F: Zum Abschluss noch ein paar persönliche Fragen: Gibt es ein Talent, das Sie gerne besitzen würden, das Ihnen aber abgeht?

Kuper: Vielleicht etwas mehr Geduld.

F: Welche Fehler würden Sie nie entschuldigen?

Kuper: Lüge. Bewusste Lüge.

F: Welche Fehler würden Sie immer entschuldigen?

Kuper: Die Sucht nach Süßem.

F: Sie sehen nicht so aus, als äßen Sie so viel Süßes.

Kuper: Jede Menge. Ich kann an Stachelbeer-Baiser-Torte nicht vorbei. An Spagetti-Eis beispielsweise auch nicht.

F: Herr Kuper wir danken Ihnen  für das Gespräch.

Die Fragen (F) stellten Karin Bödeker und Heinz-Friedrich Lange