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Nicole Schadwil

Für unser 4. Interview haben wir Nicole Schadwil getroffen. Sie hat  2010 am Hanse-Kolleg ihr Abitur bestanden. Heute ist sie 39 Jahre alt, hat zwei Kinder und steckt mitten im Examen ihres Lehrerstudiums in den Fächern Kunst, Geschichte und Deutsch. Im nächsten Jahr will sie fertig sein.

Von ihr stammen übrigens die Fotos, die  die Flure des Hanse-Kollegs dekorieren. Sie entstanden  in einem Foto-Workshop während unserer Jubiläumsfeier 2008.

Nicole Schadwil Nicole: Die Begeisterungsfähigkeit der Lehrer am Hanse-Kolleg hat mich geprägt. Die Erfahrung „so kann Schule auch sein; es kann Spaß machen, so zu lernen und unterrichtet zu werden“, hat meinen Entschluss, Lehrerin zu werden, beeinflusst.

Q: Wo leben Sie zur Zeit?

Nicole:  Ich wohne mit meinen Kindern (12 und 8Jahre) in Lippstadt und studiere in Paderborn.

Q: Wie sind Sie seinerzeit zum Hanse-Kolleg gekommen?

Nicole: Ich hatte immer schon den Wunsch, Abitur zu machen. Täglich kam ich auf dem Weg zur Arbeit (ich arbeitete als Bürokauffrau)  an dem Schild „Abendgym-nasium“, das vor der Einfahrt zum Schwimmbad steht, vorbei und fragte mich, ob das nicht genau mein Weg wäre. Schließlich bin ich ‘reingegangen und habe mich beraten lassen. Im Schuljahr 2000/2001 war das mein erster Versuch, ich wollte nämlich Archäologie studieren. Die Geburt meiner Kinder hat dann diese Pläne erst mal aufgeschoben. Doch ich hatte den Ehrgeiz, die Schule irgendwann zu Ende zu bringen. Im Wintersemester 2008/09  bin ich dann wieder im 3. Semester eingestiegen.

Q: An welche Dinge, Erlebnisse, Personen aus Ihrer Schulzeit erinnern Sie sich gern?

Nicole: Vor allem das Arbeitsklima am Hanse-Kolleg ist nicht zu vergleichen mit der Schule, die ich vorher kannte. Die Lehrer sind ganz anders motiviert, und diese Motivation hat mich besonders beeindruckt und mir  weitergeholfen. besonders unsere Geschichts-Lehrerin hat mich immer wieder ermuntert. Sie ist bis heute mein Vorbild in der Unterrichtsplanung und für den Unterrichtsaufbeau. Das war ein ganz anderer , lebendiger Geschichtsunterricht, nicht so frontal und stumpf wie früher. Es herrschte ein Miteinander, in der Gruppenarbeit fand  Diskussion und  Auseinander-setzung mit der Gesellschaft statt, sodass man Probleme und Zusammenhänge verstehen lernte. Wie eine Erleuchtung kam mir das damals vor. Überhaupt ist mir die ganze Zeit sehr gut in Erinnerung, alle Lehrer waren nett.

Q: Haben Sie Freundschaften aus der Schulzeit behalten?

Nicole: Es war eine tolle Zeit, und wir haben nicht nur zusammen gelernt, sondern auch gefeiert. Doch jetzt sind die meisten nicht mehr in Lippstadt, für eine richtige Freundschaft reicht die Zeit einfach nicht mehr. Es besteht noch ein loser Kontakt, oder  man schreibt mal eine Mail.

Q: Gibt es etwas im Zweiten Bildungsweg, das Sie besonders geprägt hat ?

Nicole: Die Begeisterungsfähigkeit der Lehrer hat mich geprägt und meinen Wunsch , Lehrerin werden zu wollen, geweckt. So kann Schule sein: Es kann Spaß machen so zu lernen, so unterrichtet zu werden! Während in der Regelschule weniger gemeinsam gearbeitet wird und der Unterricht meist Lehrer-dominiert ist,  hatten wir hier  Spaß, etwas gemeinsam zu erarbeiten. Ich bin früher nicht besonders gern zur Schule gegangen, und ich hätte nie gedacht, dass ich mal selbst Lehrerin werden möchte.

Q: Wie hat die Schule Ihr Leben beeinflusst, beziehungsweise verändert?

Nicole: Durch die Schule hat sich mein Leben ganz massiv verändert. Ein anderer Berufsweg  stand mir offen, meine ganze Persönlichkeit hat sich weiterentwickelt, ich wurde freier, offene. Jeder Erfolg bringt einen weite. Bildung verändert einen Menschen immer. Auch das Weltverständnis verändert sich: Manches fügt sich auf einmal zusammen, neue Erkenntnisse und Zusammenhänge tun sich auf. Das hat sich auch in meinem Studium gezeigt: In der Kulturwissenschaft kann man sich viel besser orientieren, vieles ergänzt sich und passt zusammen. Die Suche nach gemeinsamen Nennern hat  mich immer fasziniert, wenn man Entwicklungen und Parallelen in Geschichte und Gegenwart erkennt.

Die Perspektiven auf einen neuen Berufsweg haben mir auch geholfen, meine sich verändernden Lebensumstände zu meistern. Die Schule hat mir den Rücken gestärkt. Ich konnte wieder auf mich selbst schauen und  neue Eigenständigkeit gewinnen.

Q: Woran erkennt man  Ihre Herkunft aus dem Zweiten Bildungsweg?

Nicole: Auch wenn ich etwas älter war als die meisten  meiner Kommilitonen, so hat man doch in der Lehrerausbildung gerade deshalb den anderen viel voraus: Reife und Lebenserfahrung, pädagogische Erfahrung durch die eigenen Kinder.  Aber je älter man wird, umso weniger belastbar wird man. Prüfungsdruck macht einem viel aus, weil man vielleicht gewissenhafter ist und weniger unbefangen. Die Schulform hat für mich keinen Unterschied gemacht. Das Hanse-Kolleg macht einen  zum „Freigeist“, weil es nicht so starr ist. Die jüngeren Studenten haben Schule  eher als strenges System mit straffer Struktur erlebt. Offenheit und Fragen stellen ist ihnen noch fremd, das Hinterfragen kommt erst später; der Fokus der Regelschule liegt wohl weniger auf der Diskussion als auf der Erfüllung formaler Vorgaben, dem Einhalten von Regeln und Arbeitsschritten.

Q: Welches war damals Ihre Lieblingsbeschäftigung (und heute)?

Nicole: Damals wie heute beschäftige ich mich gern mit Geschichte und Kunst. Nicht nur in der Theorie: Ich fotografiere gern und bearbeite die Fotos, ich male und töpfere, mache Radierungen und Siebdruck. An der Uni gibt es die Möglichkeit, in der Gruppe die Werkstätten auch am Wochenende zu nutzen. Das gemeinsame künstlerische Arbeiten macht Spaß, man kann das anwenden und ausprobieren, was man vorher in den Seminaren gelernt hat.  Man muss natürlich erst die verschiedenen Techniken erlernen, dann treffen wir uns und arbeiten gemeinsam.

In meinen Schulpraktika (auch am Hanse-Kolleg) habe ich besondere Erfahrungen mit Schülern  gemacht. Ich glaube, dass das künstlerische Arbeiten wichtig ist gerade auch für Studierende , die nicht so leistungsstark sind. Sei es, weil sie introvertiert sind oder weil sie mit sich selbst Probleme haben. Aufgaben zuweisen, Arbeiten verteilen, das tut den Schülern gut ; es ist eine wichtige  Möglichkeit, gerade auch schwierigen Studierenden einen Weg zu zeigen, ruhiger zu werden, sich zu “erden“, sich zu konzentrieren. Jede Schule hat Schüler, die Probleme mitbringen; gerade  sie zu motivieren ist ein besonderes Erlebnis, für das es sich lohnt, Lehrer zu werden.

Q: Welches ist Ihr aktueller Lieblingsfilm?

Nicole: „Das Leben ist schön“

Q: Welches ist Ihre Lieblingsfarbe?

Nicole: Gelb

Q: Welche sind Ihre Lieblingsblumen?

Nicole: Sonnenblumen

Q: Was haben Sie aus der Schulzeit fürs Leben mitgenommen?

Nicole: Ich habe gelernt, freier, offener zu werden, mich selbst zu entdecken.  Es war schön, Erfolgserlebnisse zu  haben, ein neues Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler zu erfahren. Wichtige Voraussetzungen für das Studium habe ich mitgenommen: zum Beispiel den Zwang, dem Tagesablauf eine Struktur zu geben;  sich Arbeitstechniken anzueignen; zu lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Q: Welches Talent möchten Sie gern besitzen?

Nicole: Meine Tochter spielt Geige. Ich habe es auch probiert,- am Anfang eine Katastrophe! Ich hätte gern das Talent dazu.

Q: Welche Eigenschaften haben Sie bei Mitstudierenden geschätzt?

Nicole: Zusammengehörigkeitsgefühl, Humor –

Nach dem Fachabitur  war unsere Gruppe kleiner geworden. In diesem letzten Jahr haben wir alle zusammengehalten. Es waren Leute, mit denen man auch gute Gespräche führen konnte.

Q: Welche Eigenschaften schätzten Sie bei LehreInnen?

Nicole: Ein offenes Ohr. Respekt. Es gab nie ein Vertrösten, eine Abweisung. Das Bemühen um jeden Einzelnen und der Glaube an die Fähigkeit jedes Studierenden.

Q: Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Nicole: Impulsivität. Über die Stränge zu schlagen ist menschlich. Gemeinheiten verzeihe ich nicht, zum Beispiel andere herunterzuputzen, sogar vor anderen…

Q: Was konnten Sie nach Ihrer Schullaufbahn besser als vorher?

Nicole: Diskutieren.

Q: Ihr Lebensmotto?

Nicole: Geht nicht, gibt’s nicht.

Q: Ihr Traum vom Glück?

Nicole: Das Gefühl angekommen zu sein. Das Gefühl, eine Suche abzuschließen. Ruhe im Sinne von Erkenntnis, was man will, was wichtig ist im Leben. Dass man sich geortet hat. Es dauert oft lange, bis man darauf kommt, was man braucht und was man sucht.

Q: Welchen Rat geben Sie an jetzige Studierende weiter?

Nicole: Weitermachen! Nicht aufgeben! Es geht immer irgendwie; man wird immer reich belohnt.

Q: Wir bedanken uns für diese Gespräch.

Lebens(um)wege

In dieser Rubrik “Lebens(um)wege“ stellen  Absolventen unserer Schule  ihre mutmachenden  Biographien vor.

Die Fragen stellten  Joachim Schneider und Gabi Suchanek, im Folgenden = Q.