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Wir sind dann mal weg – 24 Stunden in Budapest

Die ersten Schritte

von Jacqueline Madeya

Freitag, 16.1.2015

5.00 h: Aufstehen. Zumindest für mich, die Verfasserin. Die anderen wohnten leider weit weg von unserem Treffpunkt in Erwitte, sodass die noch früher aus dem Schlaf gerissen wurden.

8.30 h: Abflug. Erfreulicherweise nicht ganz pünktlich. Zum einen, weil wir angesichts der am Flughafen Dortmund nicht erwarteten Schlangen vor dem Sicherheitscheck wohl doch recht spät losgefahren waren, zum anderen sorgte Boris‘ Französisch-Spicker (oder seine Mütze?) für Aufregung beim Personal. Obwohl wir also spät dran waren (um 7.55 h sollte das Gate schließen, um 7.53 h konnten wir die Sicherheitskontrolle noch nicht einmal sehen) war die Stimmung gechillt. Herr Teubert las in aller Ruhe seine Westfalenpost quer, während Anna nur befürchtete, 'ausgerufen' zu werden (eine Serviceleistung, den sich die Wizzair wohl kaum leisten würde, zumindest nicht ohne Aufpreis). Und was Boris aus der Ruhe bringt, will noch herausgefunden werden.

10.00 h: Landung in der Donaumetropole. Der Einfachheit halber brachte uns ein vorher reserviertes Taxi direkt zur Großen Synagoge, wo wir zuerst unsere Teilnahme an einer Führung bestätigten. Dann ging es erst einmal zum Frühstücken, was aufgrund der Location schon ein Highlight war. Wunderbar urig! Nur bei den Stühlen musste man befürchten, dass sie bei falscher Belastung zusammenbrechen. Die 'Führung' in der Synagoge – angeblich die größte Europas und die zweitgrößte weltweit – war leider eher ein Vortrag. So war es sehr verlockend, einfach einzuschlafen, dafür hat die Referentin aber leider etwas zu oft ,ääähhhhmmm....' gesagt. Nach einem kleinen Referat über das jüdische Budapest ging es in das angeschlossene Museum, welches (O-Ton Herr Teubert) „ausrangierte, nicht mehr benötigte Dinge“ zeigte. Hm... So interessant war es dann auch. Im Garten der Synagoge war es schließlich etwas bedrückend. Arrangiert sind dort eine metallene Trauerweide mit eingravierten Namen der Budapester Opfer des Holocaust sowie ein Gedenkgrab für Raoul Wallenberg, sozusagen der ‚Schindler‘ Ungarns, der in seiner Funktion als schwedischer Diplomat 1944 unzählige Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager rettete und dann selbst tragischer Weise und unter mysteriösen Umständen in sowjetischer Haft ums Leben kam.

14.00 h: Zum Verarbeiten der Eindrücke ging es auf ein Kaltgetränk in eines der angesagten, alternativen Kneipen-Cafés, die sich im jüdischen Viertel breit gemacht haben. Die gemütliche Atmosphäre regte auch die Unterhaltungen an. Anregender, als selber zu reden, war es, Anna und Christin zuzuhören, die mit einem erstaunlichen Enthusiasmus ihre Gemeinsamkeiten in Sachen Sauberkeit, Ordnung und anderen Lebensfragen feststellten. Außenstehende nahmen nach zehn Minuten allerdings nur noch Geschnatter wahr. Auch Boris und Herr Teubert konnten, ihrem Gesichtsausdruck nach, nur bedingt folgen. Glücklicherweise hatte Boris seinen Zauberwürfel dabei, der – passend zum Exkursionsziel – in den späten 1970er Jahren von dem Budapester Bauingenieur, Designer und Architekten Ernő Rubik erfunden wurde.

15:00 h: Nach der verdienten Ruhezeit wagten wir den Aufbruch zu einem mehrstündigen Spaziergang durch Pest und Buda. Zunächst ließen wir uns durch die Straßen und Gassen des Einkaufsviertels treiben, dessen Gebäude aus dem späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert sich als kunstgeschichtliche Studienobjekte anboten, um dann über die Elisabeth-Brücke (Sissi!!!) geradewegs auf den Burgberg zuzustoßen. Von oben genossen wir den atemberaubenden Blick über das angesichts der einsetzenden Dunkelheit mittlerweile illuminierte Pest. (Wie der reisefreudige Leser vielleicht weiß, ist Budapest aus den beiden Städten Buda und Pest zusammengewachsen.) Die Burganlage sah aus wie frisch renoviert, also perfekt für Touristen, wenngleich man, wie häufig bei touristischen Attraktionen, den Charakter vermisst. Interessanter erschien schon das Felsenkrankenhaus. Leider waren wir zur Führung etwa zwei Minuten zu spät. Angesichts des nicht nur für ungarische Verhältnisse exorbitanten Eintrittspreises von ca. 12 € waren wir allerdings nicht allzu traurig, denn das Geld ließ sich so sinnvoll in ein ausgiebiges Abendmahl investieren – für uns kein reiner Luxus, sondern in gewisser Weise eine Lebensnotwendigkeit, denn die Nacht sollte noch lang und auch kalt werden...

21.00 h: Restaurant. Planung ist alles, auch wenn sie kurzfristig ist. Einen Tisch in dem offensichtlich auch unter Budapestern beliebten All-you-can-eat-and-drink-Lokal hatten wir kluger Weise bereits am Nachmittag reserviert – sozusagen für den „zweiten Service“. Drei Stunden des Labens an ungarischen Spezialitäten standen uns zur Verfügung. Die nutzten wir auch voll aus. Leider kam es in der Wärme auch zu den ersten körperlichen Durchhängern (insbesondere bei der Verfasserin), die aber mit 'einem' Glas Wein erfolgreich bekämpft werden konnten. Bis gut 23.30 h hatten wir beste Unterhaltung. Wieder einmal sorgten Anna und Christin unfreiwillig für die Bespaßung. Dieses Mal ging es um private Erlebnisse mit Haien und Motorrädern.

23.30 h: Final destination. Nach dem Mahl bohrten wir uns durch das inzwischen von Nachtvolk belebte jüdische Viertel, das sich in den letzten Jahren zu der Ausgehmeile Budapests entwickelt hat. Berühmtheit haben die sogenannten Ruinenbars erlangt, die findige Jung-Budapester ursprünglich nur als saisonale, provisorische Sommerbetriebe in abbruchreifen Häusern und Höfen geplant hatten und die inzwischen als unverzichtbare Institutionen Feierlustige aus ganz Europa anlocken. Auf der Suche nach derartiger Authentizität wurden wir gleichsam im Untergrund fündig. In einem leicht angeschimmelten Kellergewölbe machten wir es uns „gemütlich“ – und blieben.

 

Samstag, 17.1.2015

1.00 h: Die Müdigkeit, die sich bleiern auf uns zu legen beabsichtigte, sah ihr Ziel schon fast erreicht. Aber es sollte anders kommen! Ganz ohne böse Absicht hatte die Verfasserin mit der in einem längst vergessenen, banalen Zusammenhang geäußerten Frage, was denn 'normal' sei, die Büchse der Pandora geöffnet. Die sich anschließende sprachphilosophische Diskussion über dieses nur scheinbar harmlose Adjektiv (dessen Verwendung Christin am liebsten verboten wissen wollte) sollte dann noch zwei Stunden dauern.

3.30 h: Von den letzten Resten des inzwischen zusammengeworfenen Geldes gab es für jede(n) von uns, der wollte, zum Abschluss noch einen Kaffee. Der war auch bitter nötig, denn die ersten wollten schon wegnicken.

4.00 h: Taxi zurück zum Flughafen. Schweigen. Erstaunlicherweise verlief der Check-in (auch bei Boris) ohne Probleme. In der Enge des im überraschend vollbesetzten Billig-Fliegers war der Kampf gegen den Schlaf dann endgültig verloren.

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