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Böser Expressionismus?

Eine Exkursion in die Kunsthalle Bielefeld
Eine Exkursion in die Kunsthalle Bielefeld

Eine Exkursion des Kunstgeschichte-Kurses in die Kunsthalle Bielefeld

Am 23.01.2018 besuchte der Kunstgeschichte-Kurs des Hanse-Kollegs die Ausstellung „Böser Expressionismus – Trauma und Tabu“ in der Kunsthalle Bielefeld.

Der Ausstellungsbesuch fügte sich bestens in die aktuelle Unterrichtsreihe ein, die in diesem Semester und wohl auch noch im kommenden der Moderne gewidmet ist. Eine Vielzahl an Stilen entwickelte sich in dieser Epoche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von denen der wohl bedeutendste der Expressionismus ist. Heckel, Kirchner, Kokoschka, Dix, Kollwitz, Beckmann, Nolde – Werke von diesen und noch vielen weiteren bekannten Künstlern konnten in der Kunsthalle bestaunt werden.

TABU. Nacktheit war das Thema der Bilder, die am Anfang unseres Rundgangs standen. Dabei ging es den Künstlern nicht primär um die erotische Ausstrahlung weiblicher Körper, sondern um die provokative Darstellung absoluter und natürlicher Freiheit im Kontrast etwa zu den erdrückend prüden Moralvorstellungen im Kaiserreich. Dass die Künstler der „Brücke“ – Kirchner, Heckel und Pechstein – eine besondere Vorliebe für ihr damals zehnjähriges Aktmodell Fränzi entwickelten, mag uns befremden, zumal das Mädchen in den Jahren 1909 bis 1911 teilweise auch in der extrem freizügigen Künstlergemeinschaft gelebt hat. Aus künstlerischer Perspektive jedenfalls verkörperte Fränzi eine ungezwungene, naive und reine Natürlichkeit, die in zahlreichen Gemälden und Zeichnungen der Ausstellung ihren Ausdruck findet. Um die überwiegend weiblichen Körper auch in ihrer flüchtigen Lebendigkeit und in authentischen Situationen zu erfassen, malten die Künstler vermehrt im Schnellverfahren sogenannte 15-Minuten-Akte. Sinnbild des neuen, unkonventionellen und enttabuisierten Kunstschaffens ist der vielzitierte Satz Kirchners: „Oft stand ich mitten im Coitus auf, um eine Bewegung, einen Ausdruck zu notieren.“ Die Fähigkeit des schnellen Malens findet ihren Höhepunkt in Zeichnungen, Skizzen und Aquarellen, die Ernst Ludwig Kirchner 1926 von der Ausdruckstänzerin Mary Wigman angefertigt hat. Ihm ging es dabei um die Darstellung der spontanen Bewegung als Ausdruck des Lebens.

TRAUMA. Das vermeintlich „Böse“ präsentierte sich uns in der zweiten Etage des Museums. Hier stießen wir auf die abgründigen Seiten der menschlichen Existenz. Prostitution, sexuelle Gewalt, neurotische Phantasien, quälende und gequälte Seelen, geschundene und gebrochene Körper, aber auch morbide Städte und Landschaften formieren sich hier zu einem Bild der Hölle, des Weltendes. Insbesondere die Werke von Otto Dix und Käthe Kollwitz – düstere Darstellungen menschlichen Leidens – entlassen den Betrachter in eine lähmende Hoffnungslosigkeit.

„Böser Expressionismus“? – „Böse Welt“ wäre wohl der treffendere Titel gewesen. Diese Auffassung vertrat jedenfalls die Studierende Ronja Baumgarten am Ende der Ausstellung, und das wohl zu Recht. Nicht die Expressionisten waren „böse“, sondern sie lebten und wirkten in einer ‚bösen‘ Zeit und Welt.